15. September 2016

Business-IT-Alignment – Wie IT und Fachabteilung sich verstehen lernen

Die optimale Einbindung der IT ins Unternehmen wurde als "Business-IT-Alignment" in den vergangenen Jahren viel diskutiert. Dennoch hat man immer wieder den Eindruck, dass das Klagen über mangelhafte Zusammenarbeit und Schuldzuweisungen zwischen IT- und Fachseite nicht weniger geworden sind. Dabei spielt der Faktor Mensch eine Schlüsselrolle, und genau dort greifen die übergeordneten Steuerungsmaßnahmen ins Leere.

Auf operativer Ebene hakt es vor allem beim Anforderungs-Management. Üblicherweise findet man dort das folgende Henne-Ei-Problem. Das ist zum einen die Forderung: "Schreib mir erst genau auf, was du willst, dann sage ich dir, was es kostet." Sie kollidiert mit der Gegenforderung: "Sag mir doch erst mal, was geht, dann schreibe ich auf, was ich will." Diese Blockade lastet eine Seite der jeweils anderen an. Hier klemmt es, weil den Beteiligten nicht klar ist, dass Anforderungs-Management sinnvoll nur im gemeinsamen Dialog geleistet werden kann (und nicht etwa auf einseitiger Basis); eine anspruchsvolle, kreative und wichtige Aufgabe ist und ausdrücklich zum Aufgabengebiet des IT-Managements gehört.

Zwei verschiedene Sprachen
Erschwerend kommt hinzu, dass die beteiligten Personen sehr unterschiedliche Sprachen sprechen (IT- und Fachsprache). Dadurch werden Äußerungen oft missverstanden. Daher ist es erforderlich, zumindest auf einer Seite der Schnittstelle Personen einzusetzen, die beide Sprachen verstehen und sprechen. Dabei sollte nicht unterschätzt werden, wie tief dieses Sprachproblem verwurzelt ist. Schulungen mit den Schnittstellen-Mitarbeitern führen erfahrungsgemäß nur zu Teilerfolgen. Darüber muss den Akteuren auf beiden Seiten der Schnittstelle die kooperative Ermittlung der Anforderungen klipp und klar zur Aufgabe gemacht werden. Auf der anderen Seite ist dann aber auch die Bedeutung dieser Tätigkeit innerhalb der Bereiche grundsätzlich aufzuwerten. 

Ebenso lassen sich auf taktischer Ebene typische Reibungspunkte benennen. Hier sind es die nur zu gut bekannten Grabenkämpfe zwischen Fach- und IT-Bereichen, die regelmäßig in Management-Sitzungen ausgetragen werden: "IT liefert nicht" tritt an gegen "Business verlangt Unmögliches". 

Ziele unmissverständlich formulieren
Um die Ursachen dafür zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, dass die Bereichsleiter aus erfolgreichen Kämpfen massive Vorteile für ihren Bereich und sich selbst ziehen können. Auf diesem Weg können nämlich eigene Versäumnisse kaschiert und der "Schwarze Peter" weitergegeben werden. Daher müssen die persönlichen Ziele von Fach- und IT-Bereichsleitern so formuliert werden, dass sie eine gute interne Kooperation angemessen belohnen.

Dazu gehört insbesondere, dass das Topmanagement den hoch bezahlten Managern der streitenden Lager konsequent gemeinschaftliche Lösungen abverlangt, anstatt die Grabenkämpfe durch die Suche nach Schuldigen zu fördern. Schließlich glauben Vorstände und Geschäftsführer vieler Unternehmen immer noch, sie könnten die „unhandlichen" IT-Themen wegdelegieren oder zumindest die Verantwortung dafür in der Rolle eines CIO sicher einschließen. Wegen der großen Innovationskraft der IT und ihrer erheblichen Bedeutung für den Erfolg eines Unternehmens ist es jedoch die Pflicht eines jeden Topmanagers, sich selbst mit Chancen und Risiken der IT in seinem Zuständigkeitsbereich zu befassen.

Viele längerfristige Unternehmensziele sind nur durch einen kooperativen Dialog zwischen den IT und Fachbereichen zu erfüllen. Das gilt zum Beispiel für die so essentielle Begrenzung der Komplexität von Technologie- und Systemplattformen. Ist infolge zahlreicher fauler politischer Kompromisse erst ein hochkomplexes Plattformmonster entstanden, sind Anforderungen an Realisierungszeit, Kosten und Qualität kaum noch zu erfüllen. 

Hinweise:

  • Setzen Sie für das Anforderungs-Management Menschen ein, die sowohl die IT- als auch die Fachsprache beherrschen (mindestens auf einer Seite der Schnittstelle).
  • Beginnen Sie mit dem Anforderungs-Management schon in der Ideen-Phase. Je eher der Dialog einsetzt, umso mehr Irrwege und Sackgassen werden Sie vermeiden.
  • Stellen Sie klar, dass Anforderungs-Management nur im gemeinsamen Dialog geleistet werden kann.
  • Fordern Sie von den beteiligten Mitarbeitern einen konstruktiven Dialog. Sie sollen nicht darlegen, was nicht geht, sondern darüber reden, wie es geht.
  • Stellen Sie sicher, dass Anforderungs-Management in den Schnittstellenbereichen als anspruchsvolle, kreative und wichtige Aufgabe wahrgenommen wird.
  • Verlangen Sie von Ihren Führungskräften gute Kooperation an der Business-IT-Schnittstelle.
  • Geben Sie den Leitern von Schnittstellenbereichen persönliche Ziele, die die Kooperation an der Schnittstelle effektiv fördern.
  • Widerstehen Sie der Versuchung, sich an der Suche nach Schuldigen zu beteiligen, und fordern Sie stattdessen von Ihren Managern gemeinsame Lösungen.
  • Interessieren Sie sich für die Chancen und Risiken, die sich durch IT in Ihrem Zuständigkeitsbereich ergeben.
  •  Haben Sie einen wachen Blick auf die Zusammenarbeit an der Business-IT-Schnittstelle und optimieren Sie nur dort, wo Sie einen Vorteil erwarten. 

von Bernd Beimdick, Computerwoche